Chefs beschweren sich über ihre Mitarbeiter. Die Mitarbeiter machen sich über die Kunden lustig. Leute ziehen in der Kneipe über ihre Nachbarn her. Ja, manchmal kotzen sich sogar Leute bei ihren Freunden über ihre eigenen Lebenspartner aus.

Ganz ehrlich, wenn ich sowas miterlebe – und es passiert häufig –, dann halte ich das kaum aus. Das ist für mich Fremdschämen. Denn ich finde es würdelos, wenn jemand über Menschen spricht, anstatt mit ihnen zu sprechen.

Halt bloß die Klappe!

Warum machen die das? – Die Antwort finden Sie schnell: Weil es einfacher ist! Es ist nämlich schlichtweg wesentlich anstrengender, sich mit einem Menschen von Angesicht zu Angesicht auseinanderzusetzen, als sich in dessen Abwesenheit über ihn aufzuregen.

Fast schon institutionalisiert wird das in den Unternehmen: Da schottet sich die Chefetage von den Mitarbeitern ab und die Mitarbeiter verschließen sich im Gegenzug gegenüber den Führungskräften. Oben wird über die da unten gelästert, unten wird über die da oben getratscht. Aber miteinander spricht man nicht.

Stattdessen gibt es Ausreden, die die Nichtkommunikation rechtfertigen: „Man braucht eben professionelle Distanz!“, „Das Privatleben hat im Job nichts zu suchen!“, „Die Mitarbeiter sind erwachsene Menschen, die müssen das alleine hinkriegen!“, „Ich bin doch nicht blöd und spiele den Bossen in die Karten!“

Die Mitarbeiter halten die Klappe, sobald ein Chef im Raum ist. Dem Chef einen Hinweis geben, ihm gar helfen oder eine konstruktive Auseinandersetzung suchen gilt als dümmstmöglicher beruflicher Selbstmordversuch.

Und die Führungskräfte halten sich tunlichst die Zerwürfnisse zwischen ihren Mitarbeitern vom Leib. Das Credo ist „sachlich bleiben“. Dabei geht es doch nur darum, nicht involviert zu werden und bloß keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

Die Wurzel des Übels

Ob beruflich oder privat: Wenn Menschen über Menschen schwätzen, verhalten sie sich dabei oft so arrogant, dass das nur mit einer gewissen menschlichen Kälte geht. Dabei ist die Erklärung dafür ganz banal: Wer es nötig hat, einen Andern zu demontieren, kleinzureden und niederzumachen ohne dass derjenige sich wehren kann, der hat ein Problem mit seinem eigenen Selbstwertgefühl.

Anders ist das nicht erklärbar: Einer fühlt sich zu schwach, um in einer Konfrontation zu bestehen, also weicht er aus und schlägt zu, wenn der Gegner am machtlosesten ist. Purer Minderwertigkeitskomplex.

Das ist schlimm. Aber schlimmer sind die Auswirkungen: Alle Beteiligten stehen am Ende schlechter da. Der, über den gesprochen wird, ist diskreditiert und unmöglich gemacht – er hat sein Gesicht verloren. Und die Tratschgemeinschaft, also der Lästerer und seine Zuhörer, beginnen einander zu misstrauen, denn sie haben ja gerade live erlebt, dass sie sich im Zweifelsfall nicht aufeinander verlassen können. Sie wissen: Sobald sie den Raum verlassen, werden sie selbst das Thema sein. Ist doch klar: Wer in Ihrer Anwesenheit über Dritte lästert, von dem müssen Sie erwarten, dass er genauso auch über Sie herziehen wird.

I’m starting with the man in the mirror

Lästern schwächt und spaltet soziale Gemeinschaften! Der Vertrauenspegel sinkt. Zuerst unter Freunden, dann im Verein oder im Unternehmen, dann in der Stadt und im ganzen Land.

Wollen wir das zulassen? Also Sie und ich nicht! Einverstanden?

Gut, dann ist die Frage, was wir dagegen tun können. Wie können wir wieder mehr miteinander sprechen als übereinander? Indem wir damit anfangen, Menschen zu mögen.

Nein, ich meine damit nicht „Piep, piep, piep, wir ham uns alle lieb“! Ich meine damit: Fangen Sie an Menschen einfach nur zu akzeptieren, wie sie sind. Also genau das, was Sie sich selbst von anderen wünschen. Lassen sie sich darauf ein, etwas an einem anderen Menschen menschlich gut zu finden – auch wenn der mal einen Fehler gemacht hat oder Sie anderer Meinung sind. Gerade dann! Lassen Sie den Anderen denken, wie er denkt. Und sprechen, wie er spricht. Und tun, was er tut. Seien Sie sich sicher: Er gibt in der gegebenen Situation sein Bestes. Konzentrieren Sie sich auf genau dieses Beste: Ich spreche von Mitgefühl. Meinen Sie, das geht?

Es würde sich lohnen! Denn wenn Sie das schaffen würden, dann wäre es für Sie unmöglich, schlecht in dessen Abwesenheit über ihn zu sprechen. Und wenn es ein Dritter tun würde, dann hätten Sie plötzlich den Mut zu widersprechen! „Du, er ist ja gerade nicht da und kann deshalb dazu nichts sagen. Und übrigens finde ich den gar nicht so übel. Kommt, lasst uns den Ball flach halten und über was anderes sprechen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren

Menü