Zuhause hatten wir einen echten Familienbetrieb, eine Landgastronomie, in die die Leute aus dem Dorf zum Stammtisch einkehrten. Aber es kamen ebenso Menschen von weiter her ins Lokal, um richtig gut gutbürgerlich zu essen.
Mein Vater war ein überragender Küchenmeister, der wirklich sehr, sehr gut kochen konnte. Ein Mann, der es schaffte, mich zu fördern, aber der mich auch forderte. Also wir hatten schon ein unglaublich hohes Leistungsniveau bei mir zu Hause. Mein Vater war ein ambitionierter Mensch. Er lebte nach dem Credo: „Wenn du was machst, dann mach es besonders gut.“
Dieser Satz begleitet mich in meinem Leben, und gehe ich auch einen anderen Weg als mein Papa, seine Einstellung zu Leistung und Qualität und den Wert von Ambitionen teile ich.
Und deswegen bin ich in Sorge und manchmal sogar aufgebracht, weil ich den Eindruck habe, dass diese Haltung, es besonders gut machen zu wollen, aus der Mode gekommen ist. Und das ist schlecht, weil die Qualität aus unserer Welt verschwindet und damit auch ganz viel Leidenschaft und Freude.
„Ist doch alles ganz okay!“ Und das ist das Problem
Ich bin gespannt, ob du meine Eindrücke teilst. Aber ich erlebe es überall, dass die Qualität abnimmt. In Supermärkten, in der Dienstleistung, im Handwerk, in Gesprächen, im öffentlichen Raum, in der Art, wie Menschen ihre Jobs machen – oder auch nicht machen. Heute werden in Unternehmen Vertriebler für eine Leistung gefeiert, die ein guter Vertriebler früher rückwärts geschrieben hätte. Beim Bäcker kannst du Verkäuferinnen und Verkäufer erleben, die es kaum schaffen, eine Tüte ordentlich zu befüllen, geschweige denn ein Lächeln hinzubekommen. Der Service in der Gastro ist oft eine Katastrophe. Bis du was zu trinken kriegst – und dann auch das Bestellte –, bis der wieder zu dir an den Tisch kommt. Wirklich schlimm. Und dann die Qualität der Speisen …
Dafür gibt es sicherlich Gründe. Personalmangel. Schlechte Bezahlung. Etc. PP. Aber ärgerlich ist es dennoch und was mich daran nicht loslässt: Ich habe das Gefühl, wir entwickeln uns als Gesellschaft und Persönlichkeiten zurück, aber das ist kein Aufreger, wir geben uns damit zufrieden. Solange die Qualität und die Leistungen in einem gewissen Rahmen noch okay sind, passt das.
Aber okay ist eben „nur okay“. Nicht gut, schon gar nicht großartig. Diese seltsame Zufriedenheit mit dem Mittelmaß. Diese bequeme Grundhaltung, dass es ja „in einem gewissen Rahmen schon passt“. Das macht mir zu schaffen. Die unambitionierte Grundhaltung, die sich ausbreitet, einfach nicht mehr besser werden zu wollen.
Leuchttürme an Ambitionen
Macht jemand einen wirklich guten Job, dann fällt das so auf, weil es aus dem Rahmen fällt.
„Die ist goldwert, die musst du unbedingt halten!“, habe ich erst letztens in einem meiner Lieblingslokale zum Wirt gesagt. Die Bedienung hatte so freundlich nach unseren Wünschen gefragt und dann kam sie auch noch mit den richtigen Getränken zurück: „Sie hatten doch das alkoholfreie Weizen. Und Sie die Schorle weiß sauer mit viel Sprudel. Und Sie …“ Sie wusste alles und sie sah alles. Wahnsinn. Eine Freude. Ein Juwel.
Ich feiere das dann total. Weil die Qualität stimmt, vor allem aber auch deswegen, weil da eine Persönlichkeit arbeitet, die Freude in die Welt bringt. Da ist jemand, der das, was er tut, gern tut. Jemand, der seine Aufgabe wertschätzt. Der sich als Mensch wertschätzt – und nicht nur stumpf roboterhaft vor sich hinwerkelt und sein Leben als Jobdrohne fristet. Jemand, der auch die Menschen wertschätzt, für die er etwas tut. Jemand, der Ambitionen hat.
Um zum Credo meines Vaters zurückzukommen: „Wenn du was machst, dann mach es besonders gut.“ Dabei geht es um mehr als Leistung. Es geht ganz stark um das, was uns, was mich, was Dich als Persönlichkeit ausmacht: Mit wie viel Leidenschaft leben wir? Mit wie viel Herzblut engagieren wir uns?
Ich bin fest davon überzeugt, dass jemand, der Ambitionen hat, dem daran gelegen ist, sich weiterzuentwickeln, der seine Lebenszeit nicht einfach so „okay“ verstreichen lässt, sondern etwas Besonderes aus sich und seinem Leben machen möchte: so jemand hat einfach mehr Freude am Leben. So jemand ist ein Vorbild für andere, weil er mit seiner Leistungsleidenschaft und Lebensfreude andere Menschen inspiriert – und auch daran erinnert, wie viel uns allen verloren geht, wenn wir unsere Ambitionen vergessen.
