„Runter von dem Platz!“ schnauzt der ältere, offensichtlich gut situierte Herr das Teenager-Mädchen an und reißt es am Arm von ihrem Platz hoch. Die Augen aller Busfahrgäste richten sich auf die Szene am hinteren Eingang.

Dann nimmt der Mann der gerade eingestiegenen alten Frau mit Rollator die Fahrkarte ab, hält sie hoch und brüllt zum Busfahrer: „Hier ist die Fahrkarte der Dame.“ Danach bugsiert er sie auf den frei gewordenen Platz und arretiert den Rollator, während er sich noch lauthals über die unverschämte Jugend von heute aufregt.

„Ist doch wahr!“ sagt er aufgebracht und schaut mich dabei Bestätigung suchend an. Ich bleibe ruhig und antworte: „Schon, aber eine Respektlosigkeit rechtfertigt nicht eine andere.“ Der Mann stutzt, dann versteht er: „Da haben Sie allerdings auch wieder recht.“

Meine Empörung, meine Bühne

Immerhin, auf meinen Kommentar hin verstand der Mann, welchen Fehler er begangen hatte. Statt für alle Beteiligten eine gute Lösung zu suchen, hatte er die Situation für seine Selbstdarstellung benutzt. Er hatte die Hilfsbedürftigkeit der alten Dame und das Fehlverhalten des Mädchens ausgenutzt, um seine Empörung, seinen „gerechten Zorn“ zur Schau zu stellen. Und er hatte es offensichtlich genossen, sich vor allen Leuten im Bus als heldenhafter Retter aufzuspielen. Sein Verhalten war egoistisch und manipulativ.

Die Nachwirkungen werden Sie und ich nicht erfahren, aber es ist denkbar, dass das Mädchen sich das nächste Mal noch trotziger verhält, wenn es seinen Platz für einen älteren Menschen räumen soll. Und der Dame mit Rollator war es wahrscheinlich zumindest peinlich, vom ganzen Bus angegafft zu werden. Sie wird in Zukunft vielleicht noch zurückhaltender und schüchterner sein.

Runter von der Bühne

Was meinen Sie? Wäre es dem Mann nicht ein Leichtes gewesen, die Situation besser zu lösen?

Ich hätte es in dieser Situation als ideal angesehen, wenn er dem Mädchen zugeflüstert hätte: „Wären Sie bereit, ihren Platz freizugeben? Die alte Dame muss sonst stehen“. Während er die alte Dame zu ihrem Platz führt, hätte er ihr erklären können: „Schauen Sie mal, die nette junge Dame hat ihnen schon Platz gemacht.“ Und zu dem Mädchen abschließend sagen: „Vielen Dank, sehr freundlich von Ihnen.“

Die Dame hätte so in Ruhe und ohne Aufsehen einen Platz gefunden und der Herr hätte das Mädchen darin unterstützt, sich zu öffnen und das nächste Mal von selbst aufzustehen.

Wie ein Gentleman

Um so umsichtig agieren zu können, ist eine Haltung des Dienens notwendig. Wenn Sie sich als Diener der Sache empfinden, hat Ihr Ego gar keine Chance, Ihre Empörung als Rechtfertigung für irgendwelche Entgleisungen zu benutzen. Die dienende Haltung ist ein Gegenpol zur Selbstdarstellung, wie sie der Mann im Bus betrieben hat.

Auf diese Weise machen Sie sich selbst groß, ohne andere klein zu machen. So zeigen Sie echte Charakterstärke. In der Situation bleibt Ihre Rolle damit natürlich unscheinbar, aber Sie gewinnen an Format und Statur, was Ihnen insgesamt mehr Autorität und Charisma verschafft.

Das ist das Geheimnis des Gentlemans – und auch jeder Gentlewoman.

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