Wer erinnert sich denn noch an Tokio Hotel? Ich selbst glaubte, die Boyband-Erscheinung vergessen zu haben, bis ich vor kurzem plötzlich wieder ihren Song im Kopf hatte: „Schreiii, bis du du selbst bist! Schrei so laut du kannst!“

Ich saß im Büro eines Freundes in Berlin-S., als vor dem Fenster auf einmal ein riesiges Geschrei losbrach. Auf der Straße unter mir standen zwei Autos. Aus dem hinteren war ein Mann ausgestiegen, zum vorderen Auto gestürmt und brüllte dort die alte Fahrerin an: „So fährt man in Offenbach, aber nicht in Berlin!“ Danach marschierte er selbstzufrieden zu seinem Wagen zurück.

Ich war baff. Sachen gibt’s! Zugegeben: Ich rege mich beim Autofahren auch oft genug auf. Aber was bewegte diesen Mann dazu, die alte Frau so anzuschreien? Und vor allem: Was wollte er denn mit der Aktion erreichen? Denn eines hat er mit seinem Geschrei sicher nicht geschafft: sie zu einem schnelleren Fahrstil zu motivieren. Wahrscheinlich ist die Dame mit dem Offenbacher Kennzeichen hinterher noch viel mehr durch Berlin geschlichen, weil sie jetzt völlig verunsichert war – und hat den hinter ihr fahrenden Schreihals damit noch mehr ausgebremst.

Hätte der Mann gesagt: „Guten Tag, ich bin aus Berlin. Kann ich Ihnen helfen? Wo müssen Sie denn hin?“ – hätte das beiden Parteien bestimmt viel mehr geholfen.

Die Stresstypen

Nun möchte ich den Fahrer gar nicht zu sehr verurteilen. Er war wahrscheinlich ganz einfach unter Zeitdruck – und stand damit unter Stress. Es gibt nämlich zwei Bereiche, die Stress verursachen – wenn Sie selbst oder Ihr Gegenüber Ihre Erwartungen nicht erfüllt, oder wenn Sie nicht miteinander in Resonanz sind, sich also nicht wahrgenommen fühlen. Auf den Fahrer könnte beides zugetroffen haben.

Aus meiner Erfahrung als Trainer weiß ich, dass es ziemlich genau drei Arten gibt, wie Menschen Stress abbauen. Die einen machen es wie der Berliner Autofahrer: Sie schreien so lange rum, bis sie sich besser fühlen – nur dass sich der andere kein bisschen besser fühlt, weil er nunmal angebrüllt wurde. Der zweite Typ Mensch wird im Gegensatz dazu ganz still. Ihr Stress brodelt nach innen – mit der Gefahr, dass sie irgendwann explodieren, wenn sich richtig viel Anspannung aufgebaut hat. Die dritte Art, Stress abzubauen, ist die zurückgenommene Reflexion der Situation. Sie suchen sich dazu einen Gesprächspartner, dem sie ihr Herz ausschütten können. Sie quatschen sich den Stress von der Seele und schütteln so den Druck und die Frustration ab.

Wenn Sie zu den Typen aus Modell 1 gehören, sagen Sie sich jetzt vielleicht: „Cool, dann löse ich meine Stresssituationen ab jetzt nach Modell 3.“ Aber so einfach ist es leider nicht. Denn wie Sie Stress abbauen, ist eine Sache Ihres Naturells. Es gibt eben solche und solche Typen, dagegen können Sie gar nichts tun. Und weil niemand sein eigenes Naturell auf Dauer verleugnen kann, kann ich Ihnen hier auch keine optimale Lösung bieten, wie „man“ seinen Stress los wird.

Was aber jeder von Ihnen versuchen kann, ist, sich im Stressmoment eine Sekunde Zeit zu nehmen und sich zu fragen: „Ist meine Reaktion angemessen? Wie geht es der anderen Person dabei? Bringt uns mein Verhalten weiter?“

Wie Sie Ihr Naturell kontrollieren

Wenn Sie sich diese Fragen beantworten, führt das oft ganz automatisch zum richtigen Verhalten – auch unter Stress. Der stille Stresstyp wird begreifen: Es hilft nichts, wenn er seinen Ärger nur in sich hineinfrisst, und er wird den Mund aufmachen und das Problem ansprechen. Der wütende Stresstyp wird erkennen, dass sein Schreikrampf die Situation nur weiter verschlimmern würde und schreit erstmal in ein Kissen oder heimlich auf dem Klo, bevor er dann wieder ruhiger mit seinem Gegenüber spricht. Und selbst der reflektierte Typ überlegt es sich vielleicht noch einmal, wie detailliert er seinem Arbeitskollegen von seinem privaten Stress berichtet, und entscheidet sich im Zweifelsfall eher, seinen Stress abzubauen, indem er auf dem Heimweg im Auto zu Tokio Hotel so richtig laut mitschreit!

Deswegen schämen Sie sich nicht für Ihr Naturell und versuchen Sie schon gar nicht, sich zu verbiegen. Das führt nur zu noch mehr Stresspotenzial. Aber nehmen Sie sich die kleine Pause vorm Platzen bzw. vorm inneren Brodeln, in der Sie nach dem Ergebnis Ihrer Methode fragen. Dann tut es keinem weh, wenn Ihr Naturell sich schließlich – halbwegs kontrolliert – den Weg nach draußen bahnt.

Sie können ja einmal raten, welcher Stresstyp ich bin …

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