Was ich immer noch gerne mache, sind Vertriebsseminare. Das macht mir enorm viel Freude, jungen Persönlichkeiten etwas beizubringen, ihnen einen Weg zu mehr Wirkung zu zeigen. Was mir dabei allerdings in letzter Zeit vermehrt auffällt und auch aufstößt, ist der Umgang mit KI.
Ein Beispiel. Wir sprechen über verschiedene Persönlichkeitstypen, die ihnen als Kunde begegnen. Dann stelle ich gerne eine Aufgabe wie folgende: „Formuliert bitte als E-Mail eine Einladung zum Essen – je nach Kundentyp in unterschiedlichem Sprachstil.“
Dann merke ich, dass diese jungen Menschen sofort ihren Laptops und Tablets eine KI anschmeißen, zum Beispiel sofort ChatGPT befragen. Sofort. Und die KI spuckt dann tolle Texte aus. Die werden dann auch fleißig abgepinnt, mir präsentiert. Alles gut. Aber was dabei mein Problem ist: Was passiert da, wenn wir die KI befragen, ohne vorher selbst darüber nachgedacht zu haben? Werden wir dümmer oder intelligenter?
Entwicklung macht auch mit KI Freude
Versteh mich nicht falsch. Ich halte KI für ein sehr hilfreiches Tool, das uns enorm viel Arbeit abnehmen kann, bei der es eben nicht so um das Nachdenken geht. Ein Werkzeug wie Perplexitiy kann dir mit Recherche viel Zeit sparen, die du für wichtigere Aufgaben nutzen kannst. Oder KI kann dich beim Training unterstützen: Wir wissen zum Beispiel, dass es bei einem Kundenanruf hilfreich und für die Kommunikation mit dem Kunden wertvoll ist, sich bei ihm in der gleichen Tonlage zu melden. Das wird gleich sympathischer. KI kann die Stimme analysieren und dir über ein Feedbacksystem zeigen, ob du den Ton triffst. Bei beratungsintensiven Jobs wird KI dir viel Fleißarbeit abnehmen können, du gewinnst Zeit für die persönliche Beratung.
Ich glaube ganz fest daran, dass wir auf künstliche Intelligenz in Zukunft nicht verzichten können. Ein solches Werkzeug zu entwickeln, war und ist Teil unserer tollen menschlichen Möglichkeiten. Ob wir es nun wollen oder nicht, an dem Thema kommen wir nicht mehr vorbei.
Mir liegt allerdings am Herzen, das Selbstdenken nicht zu verlieren, weil wir uns nur dann wirklich weiterentwickeln.
Für mehr Persönlichkeit gibt es keinen Prompt
Ich erinnere mich an meine Schulzeit, zum Beispiel Mathe. Klar war das anstrengend, nie einfach gleich die Lösung präsentiert zu bekommen, sondern den Lösungsweg verstehen zu müssen. Nicht einfach nur Ergebnisse auswendig lernen zu können. Der Denkprozess selbst war der Schlüssel – nicht nur zur Lösung, sondern zum Verständnis. Mein Gehirn wurde dadurch nicht nur gefüttert, sondern konnte sich entwickeln. Fehler gehören dazu. Man erkennt sie, man versteht sie, man wächst daran.
Wenn wir uns nicht mehr Zeit nehmen, um selbst in Ruhe über etwas nachzudenken und unser eigenes Urteil zu bilden, dann werden wir als Menschen verlieren. Wir werden verlernen, zu verstehen – oder auch nicht zu verstehen und dann neugierig weiterzuforschen, weiterzufragen. Gehen wir zur KI und fragen die, dann bekommen wir auf unsere Prompts Antworten, ja, aber vielleicht geben wir uns auch zu früh mit den Antworten zufrieden.
Es geht aber nicht alles „prompt“, manches braucht seine Zeit, und vor allem Persönlichkeiten brauchen Zeit, um zu reifen.
Generell halte ich es auch bei KI mit dem Gedanken „Entwicklung macht Freude“. Offenheit gegenüber Neuem ist wichtig für unsere Entwicklung als Menschen und Persönlichkeiten.
Die Frage ist, mit welcher Grundhaltung mit welchem Rückgrat, mit welchem Charakter wir KI einsetzen. Nutzen wir KI als Denk-Ersatz oder als Denk-Verstärker? Verstehen wir die Möglichkeiten der KI als Chance, uns als Persönlichkeiten weiterzuentwickeln, in unserer Weise, uns selbst zu führen, dazuzulernen, oder überlassen wir der KI die Führung?
Wenn es um uns als Persönlichkeiten geht, ist nicht die KI, sondern sind wir selbst gefragt. Jedenfalls dann, wenn wir nicht dümmer werden, sondern uns weiterentwickeln wollen.
