„Jetzt hört doch auf! Vertragt euch wieder!“ Vielleicht kennst du ja auch diese Worte? Meine Oma hat sie früher immer gesagt, wenn mein Cousin Andi und ich uns als Jungen gestritten haben. Im Namen der heiligen Harmonie sollten wir aufhören, unterschiedlicher Meinung zu sein. Aber wir haben oft nur gelacht und gesagt: „Oma, wir vertragen uns doch! Ich sehe es halt so und Andi sieht es so.“ Und dann haben wir weiter gestritten – im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Oma hat das, glaube ich, nie verstanden. Für sie bedeutete Streit automatisch Unfrieden. Dabei haben Andi und ich in diesen Momenten das Leben ernst genommen – mit all seinen unterschiedlichen Perspektiven. Wir haben uns zugemutet, ehrlich zu sein. Und genau das ist heute so selten geworden.
In keinem guten Licht
Der Streit steht in keinem guten Licht mehr. Sobald zwei Menschen unterschiedlicher Meinung sind, sprechen alle gleich von Spaltung. Das ist eine gefährliche Fehlinterpretation. In der Businessliteratur findest du tausend Bücher über Konfliktmanagement – also darüber, wie du den Streit schnell in den Griff bekommst und wieder Ruhe herstellst. Aber dass mal jemand den Streit in ein gutes Licht rückt? Fehlanzeige.
Dabei ist Streit notwendig. Streit bedeutet, dass jeder seine Meinung kundtut, dass man dem anderen wirklich zuhört und gemeinsam überlegt, ob es nicht eine bessere Lösung gibt. Dass beide sich Ehrlichkeit zumuten. Das ist doch großartig!
Was wir heute für Streit halten, das ist keiner
Was du heute erleben kannst, in Talkshows zum Beispiel, wenn Politiker aufeinander losgehen, das ist kein Streit. Das sind Duelle. Ich treffe dich, schieße auf dich, du schießt auf mich, und wer überlebt, geht weiter. Ich bleibe sowieso bei meiner Meinung – das weiß ich von Anfang an. Mit echtem Streit hat das nichts zu tun. Ein Duell will gewinnen. Ein guter Streit will die beste Lösung finden.
Und genau hier liegt das Problem: Sobald du jemandem richtig widersprichst, wird es dünn. „Wie kommen Sie denn auf die Idee?“ – und schon greift dich dein Gegenüber an oder steigt aus der Diskussion aus. Die Leute laufen weg. Auseinandersetzungen kriegen die wenigsten hin.
Dabei wäre es so einfach: Position A trifft auf Position B. Beide sagen: „Ich habe deine Position verstanden.“ Und dann kommt das Entscheidende: Nicht in der Mitte treffen bei einem faulen Kompromiss, bei dem beide Teile aufgeben, die sie eigentlich gar nicht aufgeben wollen. Sondern größer denken. Über beide Meinungen hinaus. Wie kann eine Lösung aussehen, die nachhaltiger ist, die mehr bringt für alle?
Streiten mit Freude – für etwas, nicht gegen etwas
Ich merke das an mir selbst: Von Natur aus bin ich eher ein harmonischer Mensch. Aber ich beobachte, dass man heute oft schon durch ist, wenn man sagt: „Ich sehe das anders.“ Du musst der Meinung des anderen sein – sonst bist du schwierig, streitlustig, spaltend. Da denke ich: Seid ihr denn wahnsinnig geworden? Wo ist das Problem? Warum können wir nicht einfach stehen bleiben und uns auseinandersetzen?
Guter Streit braucht eine gewisse Kultur. Er braucht Respekt voreinander und vor der Meinung des anderen. Er braucht die Bereitschaft, über den Tellerrand hinauszudenken und die eigenen Standpunkte zu hinterfragen. Und – das ist vielleicht am wichtigsten – er braucht Freude. Denk an Menschen wie Mahatma Gandhi. Er hat für etwas gestritten. Mit Hingabe, mit einer Vision dessen, was entstehen könnte. Das hat eine ganz andere Qualität, als wenn ich nur gegen etwas bin und ständig erkläre, warum das, was du sagst, Scheiße ist.
Streiten bedeutet auch: das Leben ernst nehmen
Für etwas sein ist besser als gegen etwas sein. Immer. Wenn ich mit Freude für eine Sache einstehe, entsteht etwas Positives. Ich kann dich durch meine Begeisterung anstecken, motivieren, mitnehmen. Aber wir in Deutschland sind kulturell so nicht großgeworden. Wir erklären dem anderen ständig, warum das falsch ist, was er denkt, macht oder wählt. Was wir nie machen: Sagen, egal was du machst – schau mal, ich kämpfe für eine Welt, die so aussieht. Ich sehe es so. Komm mit!
Streiten bedeutet auch: das Leben ernst nehmen, aber mit einer gewissen Leichtigkeit. Den Streit nicht verabsolutieren. Sich selbst und das Gegenüber ernst nehmen, aber nicht zu wichtig. Es geht nicht darum, Recht zu behalten. Es geht darum, gemeinsam klüger zu werden. Und genau deshalb brauchen wir mehr Streit. Echten Streit. Guten Streit.
PS: Auch wenn unsere Eltern uns immer ermahnt haben, nicht zu streiten, der Partner uns bittet, weniger zu streiten … Wir wollen streiten! Und zwar richtig: nicht beleidigen, nicht beschimpfen, nicht denunzieren oder das Wort im Mund herumdrehen. Sondern so, wie ich hier für dich in diesen 10 Tipps „Mit Freude streiten!“ beschrieben habe, die du hier als PDF kostenlos herunterladen kannst.
