Wenn aus der Stille deine Stärke entsteht

Erfolgreiche Menschen kennen diese Momente – lieben sie wahrscheinlich sogar: die Momente im Rampenlicht, wenn das Spotlight auf einen gerichtet ist und das Publikum die Arme hochreißt, von den Sitzen springt. Der Applaus. Die strahlenden Blicke, die auf einen gerichtet sind. Die anerkennenden Blicke und Worte, weil man etwas Tolles geleistet hat. Einen super Auftritt hingelegt hat. Eine Top-Leistung abgeliefert hat. Als Künstler, Sportler, als Vorstand. 

Wahnsinn. Ich jedenfalls habe das immer geliebt. Schon damals, als ich als Bub meinen Eltern in der Gastronomie geholfen habe. Das Schulterklopfen, die lobenden Worte meiner Mutter, wenn wir den Ansturm zusammen bewältigt hatten. Dann als angehender Fußballprofi. Der Torjubel. Als Coach, als Redner, als Buchautor, der sich nach einer Lesung im lauten Applaus sonnt.

Ich genieße es immer noch. Aber ich habe irgendwann etwas verstanden: Es gibt einen Erfolg, der tiefer geht, der befriedigender ist, als Applaus, als die Anerkennung im Außen. Und dieser Erfolg entsteht aus der Stille …

Warum äußerer Erfolg allein nicht trägt

Wenn ich meine eigene Entwicklung anschaue, dann waren es früher vor allem die lauten Momente, die ich toll fand. Ich badete im Außen. Und das fühlte sich gut an. Und es machte, wenn ich ehrlich bin, ein bisschen süchtig.

Das ist menschlich. Unser Nervensystem liebt Bestätigung. Anerkennung gibt Kraft, schafft Identität, erzeugt das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Solange der Erfolg anhält, scheint das Modell zu funktionieren: Du lieferst, die Welt applaudiert, du lieferst mehr.

Bist du im Moment in einer solchen Phase, dann genieße es, freu’ dich daran! Denn dieser Erfolg ist der erste Schritt hin zu einer wirklich starken Persönlichkeit. Unser Selbstbewusstsein entsteht durch unsere Erfolge.

Aber was ist, wenn der Applaus verstummt? Die Anfragen weniger werden. Das Telefon seltener klingelt. Wenn die Frage auftaucht: Wer bin ich eigentlich, wenn niemand mehr zuschaut?

Dieser Moment ist kein Versagen. Er ist eine Einladung.

Denn um wirklich erfolgreich zu sein, nicht nur punktuell und abhängig von der äußeren Anerkennung, sondern aus dir selbst heraus, musst du über diese Phase der äußeren Anerkennung hinauswachsen.

Das Problem dabei ist nicht der Applaus. Das Problem ist, wenn er die einzige Quelle wird, aus der du schöpfst.

Du siehst es immer wieder bei Stars und Sportlern, die zurücktreten und dann – oft erstaunlich schnell – ein Comeback ankündigen. Nicht weil sie noch etwas beweisen müssten. Sondern weil sie eine Erfahrung machen, mit der sie nicht klarkommen: Sie erleben eine Stille, die sie kaum aushalten. Weil ohne den Lärm des Außen plötzlich eine innere Leere spürbar wird, die vorher immer übertönt wurde.

Geht es dir so, dann hat deine innere Entwicklung nicht mit dem äußeren Erfolg Schritt gehalten. Und ich möchte dich dazu einladen, dich auf diese innere Entwicklung einzulassen. Was dir dann winkt, toppt jeden Applaus.

Was in der Stille wartet

Diese innere Arbeit hat allerdings ein Imageproblem: Sie klingt langweilig. Sie ist nicht laut. Sie sorgt für keinen klassischen Erfolg im Außen, jedenfalls nicht am Anfang. Niemand gratuliert dir dazu, dass du erkannt hast, warum du was wann tust und sagst. Niemand überreicht dir eine Trophäe dafür, dass du endlich verstehst, weshalb du welche Ängste und Glaubenssätze hast.

Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist diese Arbeit das Entscheidende.

Sich selbst wirklich kennenzulernen bedeutet: zu verstehen, woher man kommt, was einen antreibt, was einen triggert, wo man wirkt und wo man schadet. Es bedeutet auch, unbequemen Erkenntnissen ins Gesicht zu schauen.  

Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich früher allen Menschen schonungslos offen meine Meinung gesagt habe. Schließlich bin ich im Nordschwarzwald aufgewachsen, da gehörte das zum guten Ton, und meine Mutter sagte auch immer: „Stefan, sag einfach, was du denkst, sei ehrlich, sei authentisch!“ Aber ich habe mit meiner Art von schonungsloser Ehrlichkeit viele Menschen vor den Kopf gestoßen. Schulz von Thun, mein Mentor in der Kommunikationspsychologie, sagte irgendwann zu mir: „Stefan, du bist sehr ehrlich, aber du bist so schonungslos offen, dass die Menschen das, was du sagst, eigentlich gar nicht annehmen können. Was du sagst, das ist brutal.“ 

Einzusehen, dass er recht hat und dass ich in dieser Form nicht mit den Menschen umgehen möchte, das war für mich eine unbequeme Erkenntnis. Mein Selbstbild geriet ganz schön ins Wanken und ich musste sehr an mir arbeiten, um mich dahin zu entwickeln, ehrlich und authentisch zu sein, aber   gleichzeitig auf eine einladende Weise zu kommunizieren, dass es die Menschen annehmen können und es sie weiterbringt. Eine Arbeit, die mich erst einmal ganz tief in mich hineinsehen ließ. Was ist da eigentlich los mit mir? Eine Arbeit an mir selbst, die mich tief in die Stille führte.

Das war schmerzhaft. Und gleichzeitig konnte ich einige der schönsten Momente erleben, die es gibt. Weil sich danach etwas verändert. Die Art, wie man spricht. Wie man zuhört. Wie man Feedback gibt. Und plötzlich passiert etwas anderes im Außen – nicht weil man eine neue Technik gelernt hat, sondern weil man innen anders geworden ist.

Genau das erwartet dich in der Stille: Innere Entwicklung steigert die äußere Wirkung. Nicht trotzdem, sondern deshalb. Du wirst zu einer stärkeren Persönlichkeit.

Stark werden, ohne Applaus zu brauchen

Das habe ich dann auf diesem Weg gelernt: Wer eine starke Persönlichkeit werden will, der sollte sich mit sich selbst auseinandersetzen. Also gemäß dem Motto: „Willst du eine starke Persönlichkeit sein, dann hör erst mal in dich selbst hinein.“

Du kannst dann eine bestimmte Qualität von Zufriedenheit erleben, die nichts mit dem zu tun hat, was andere über dich denken. Sie entsteht, wenn du weißt, wer du bist. Wenn du deine Stärken kennst – aber auch das, was du an dir selbst nicht leiden kannst, und trotzdem Frieden damit gemacht hast. Wenn du in einem ruhigen Moment mit dir selbst im Einklang bist, ohne dass dafür jemand applaudieren muss.

Das klingt vielleicht unspektakulär. Aber wer das einmal erlebt hat, weiß: Es ist das Gegenteil davon.

Die Frage ist nicht, ob du dir diese innere Arbeit leisten kannst. Die Frage ist, ob du es dir leisten kannst, sie nicht zu machen.

Als Führungskraft, die andere Menschen entwickeln will, kannst du das nur wirklich tun, wenn du dich selbst kennst. Als Trainer oder Coach gilt das noch offensichtlicher: Wer selbst nicht mit sich d’accord ist, kann anderen nicht ehrlich helfen. Die eigene blinde Stelle wird zur blinden Stelle deiner Arbeit.

Die gute Nachricht: Der Weg nach innen ist kein einmaliges Projekt. Es ist eine Haltung. Eine kleine tägliche Neugier auf sich selbst. 

Diese Neugier braucht Stille. Persönlichkeiten entstehen im stillen Kämmerlein oder in der Natur, an einem Ort, den du als deinen Kraftort entdeckst. Den Ort, an dem du dich selbst hörst und spürst.

Weil sie das verstanden haben, gehen viele Top-Führungskräfte zum Beispiel für eine gewisse Zeit in ein Kloster. Denn sie haben verstanden, dass sie durch die innere Reise, durch die Stärkung des inneren Zustands, noch wirksamer werden. Wirksamer und zufriedener und mit mehr Freude dabei bei allem, was sie tun. Und genau das wünsche ich dir auch: diese Freude an deiner inneren Reise, diese Wahnsinnsfreude, dich selbst weiterzuentwickeln.

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