Wir waren in den Bergen. Eine Wanderung. Vom Bodensee ist das nur ein Katzensprung. Aber was mich jedes Mal überwältigt, ob ich nun wandern gehe, wie an diesem Tag, oder im Winter zum Skifahren hochfahre: Es verändert mich. Jedes Mal, wenn ich dort oben bin und mir Zeit für die Aussicht nehme, macht das etwas mit mir.
Schon damals, als ich mich von meiner Profifußballerkarriere verabschieden musste, waren die Berge gewissermaßen mein Sparringspartner. Sie halfen mir, mich neu zu finden. Dass ich dann als Ausbilder von Skilehrern so oft dort oben sein durfte, war ein Segen.
Weil ich eine Erfahrung machte, die mich durch viele Herausforderungen getragen hat, als Mensch und als Unternehmer.
Gelassen im Alltag
Die Höhe, die Weite, diese Erhabenheit der Berge, die einen selbst ganz still gemacht hat – sie haben mir immer wieder gezeigt, was es bedeutet, Überblick zu gewinnen. Nicht nur über die Landschaft, sondern über das Leben selbst.
Wobei ich sagen muss: Ich war schon immer für diese Bergerlebnisse empfänglich. Vielleicht geht es dir ja an einem anderen Ort so. Aber für mich war es schon als Kind ein besonderes Erlebnis, in die Berge zu gehen und, ob zu Fuß oder mit den Skiern an den Füßen, in dieser herrlichen Landschaft zu sein. Ich musste gar nicht viel tun, die Landschaft strahlte einfach auf mich aus und in mich hinein, und wenn mich unten auf der Erde etwas plagte, dann ging es mir da oben schon gleich besser. Und ich bin froh, dass ich diese Kraft, die dieser Ort für mich besitzt, erkannt habe und nie aufgehört habe, in die Berge zu gehen.
Für mich persönlich war das immer wichtig, aber auch für mich als Unternehmer und Selbstständigen war das ein Erfolgsfaktor, weil es mir half, meine Kräfte zu fokussieren, mich nicht in einem „selbst und ständig zu verlieren“.
Als Führungskraft oder Unternehmer wirst du das kennen: Der Alltag ist ein Strom aus Entscheidungen, Krisen, Chancen. Doch wer nur im Strom schwimmt, verliert schnell die Perspektive. Viele ambitionierte Menschen, die ich kenne, treten dann die Flucht nach vorne an: noch mehr arbeiten, schneller schwimmen, ihre eigene Power pushen, um noch mehr zu leisten. Um irgendwann zu dem Punkt zu kommen, an dem sie das Gefühl haben, über den Dingen zu stehen, es geschafft zu haben, sich aus dem Wust herauszuarbeiten.
Doch das ist nicht der Weg, der nachhaltig zu mehr Leistung, der zu besserer Leistung, der an die Spitze führt.
Dies haben mich die Berge gelehrt: wie viel Kraft in der Gelassenheit steckt.
Gelassen sein: Raum für Freude
Führungskräfte verbringen einen Großteil ihres Lebens im Tal – dort, wo Entscheidungen drängen, E-Mails warten, Zahlen bewertet werden müssen. Aber wer immer nur im Tal steckt, im operativen Klein-Klein, verliert den Überblick – jenes Wort, das mir so wichtig geworden ist. Wer ständig mitten im Geschehen steht, sieht nur das Nächste. Erst wenn wir innerlich einen Schritt zurücktreten, erkennen wir Zusammenhänge. Erst wenn wir in der Lage sind, über den Dingen zu stehen, dann werden wir wirklich fähig, wirksam zu führen.
Damit meine ich nicht: „Ich stehe über den Dingen, mir ist alles egal!“, „Ich stehe über den Dingen, das geht mich nichts an!“ Aber ich bin nicht mehr verbissen mit den Dingen verbunden, ich bin den Dingen gegenüber freier, auch emotional unabhängiger. Ich habe mehr Freude an dem, was ich tue, was meinem Ehrgeiz, sage ich mal, eine mildere Tönung verleiht.
Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, als Selbstständiger den Fokus zu ändern, weniger oder mehr zu machen, ambitioniert zu bleiben – aber mit mehr Freude und weniger Verbissenheit.
Die beste Version meiner selbst bin ich, wenn ich nicht verbissen alles kontrolliere, sondern erkenne, wann ich loslassen muss – und das gilt auch für Führungskräfte und Unternehmer: fähig zu sein, auch auf Abstand zu sich selbst zu gehen. Sich selbst gelassener zu sehen, weniger durch die „Du musst so und so sein und das und dies leisten!“
Je mehr mir dies gelingt, umso stärker fühle ich mich. Meine Ambitionen sind immer noch da, vielleicht sogar mehr als je zuvor, weil sie mir bewusster sind. Aber ich lasse mich durch sie nicht mehr durch mein Leben treiben.
Je stärker die Persönlichkeit, desto weniger wichtig nimmt sie sich selbst. Das ist keine Schwäche. Es ist eine stille, verdiente Bescheidenheit, die nur entsteht, wenn genügend Selbstvertrauen da ist, um sie sich leisten zu können. Ohne aufgeblasenes Ego, aber auch ohne falsche Kleinmacherei. Oder wie es Marie von Ebner-Eschenbach ausdrückte: „Humor und Gelassenheit sind Geschwister – anmutige Formen des Selbstbewusstseins.“
Dies ist die Erfahrung, die ich in den Bergen machen durfte und immer wieder mache: Indem ich gelassener werde, über den Dingen stehe, werde ich fähiger, die Dinge auf meine Weise anzupacken.
Ich forciere nichts, ich fokussiere mich: auf meine Freude daran, mich weiterzuentwickeln und meine Ambitionen zu verwirklichen.
Die Höhe, die Weite, diese fast ehrfürchtige Ruhe der Berge – sie haben mir immer wieder gezeigt, was Gelassenheit für mich wirklich bedeutet: das Leben mit all seinen Facetten und Herausforderungen zu lieben.
„Wenn du das Leben liebst, liebt es auch dich.“ – Arthur Rubinstein
