„Ich will das! Ich mach den Ball rein! Ich will unbedingt in die U18-Nationalmannschaft! Ich will Profi werden!“
Dafür habe ich so gebrannt. In meiner Leistungssport-Zeit war ich enorm willensstark. Ich agierte ganz nach der Devise: „Du musst den Erfolg nur wollen! Alles eine Frage der Willenskraft, ob du deine ambitionierten Ziele umgesetzt bekommst!“
Vielleicht kommt dir dieser Gedanke bekannt vor: Der Wille macht den Unterschied.
Aber wie ich schließlich erkannte: Willenskraft allein reichte nicht. Ich brauchte noch eine andere Kraft, um wirklich erfolgreich zu sein.
Warum dieses Scheitern kurz vor dem Ziel?
Er war jung, talentiert, ambitioniert und hatte alles, was es für den großen Durchbruch brauchte. Über Stunden trainierte er auf der Driving Range, arbeitete diszipliniert an seiner Technik und gehörte regelmäßig zu den besten Golfern. An diesem Wochenende lief alles nach Plan. Vor dem letzten Tag führte er das Teilnehmerfeld an. Der Sieg war zum Greifen nah.
Doch dann passierte etwas Merkwürdiges.
Plötzlich wirkte er wie ausgewechselt. Locker gespielte Bewegungen wurden hektisch, sichere Entscheidungen wurden zu Fehlern. Schlag für Schlag verspielte er seinen Vorsprung. Als der Sieg außer Reichweite war, spielte er wieder souverän – als wäre nichts gewesen.
Was war passiert?
Die Antwort hat nichts mit seinem Talent zu tun. Und auch nichts damit, dass ihm Disziplin fehlte. Die Antwort zeigt, warum so viele ambitionierte Menschen kurz vor ihrem Ziel scheitern.
Als ich den jungen Sportler fragte, warum er plötzlich so von der Rolle gewesen war, kamen zunächst die üblichen Erklärungen: schlechter Tag, fehlender Fokus, unkonzentriert. Doch seine Erklärungen passten nicht zu dem, was ich gesehen hatte. Ich ließ also nicht locker und schließlich sagte er den entscheidenden Satz: „Ich habe Angst zu gewinnen.“
Nicht vor dem Wettkampf, nicht vor der Konkurrenz, nicht vor einer Niederlage – er hatte Angst vor der Siegerehrung. Warum? Weil er sich davor fürchtete, vor Menschen zu stehen, seinen Preis entgegenzunehmen und dann in der obligatorischen Bruttorede ein paar Worte sagen zu müssen. Allein die Vorstellung, vor vielen Menschen reden zu müssen, löste so viel Stress aus, dass sein Gehirn eine einfache Lösung fand: bloß nicht gewinnen.
Verrückt, oder? Vielleicht. Aber genau so funktionieren wir Menschen. Die Bilder in unserem Kopf üben eine gewaltige Macht auf unser Handeln aus. Wenn unser Gehirn Erfolg mit Unsicherheit, Druck oder Angst verbindet, zieht es unbewusst die Handbremse.
So schmeckt der Erfolg …
Ich arbeitete mit dem jungen Mann schließlich vor allem an seiner Vorstellungskraft. Er lernte, sich auszumalen, wie er entspannt auf der Bühne steht, seinen Siegespreis entgegennimmt und mit Freude ein paar Worte zu den Menschen sagt. Und das nächste Turnier gewann er.
Was da mit dem Sportler passiert ist, zeigt die Hirnforschung schon seit vielen Jahren: Unser Gehirn verarbeitet lebhafte Vorstellungen und reale Erfahrungen erstaunlich ähnlich. Je konkreter du dir einen Erfolg ausmalst, desto vertrauter wird dieser Zustand für dein Gehirn.
So wird die Vorstellungskraft zu einem Erfolgsfaktor. Weil du dich nicht damit begnügst, dein Ziel zu kennen und erreichen zu wollen. Du stellst es dir mit allem Drum und Dran vor. Bis du es siehst. Bis du hörst, was im Moment des Erfolges um dich herum passiert. Bis du spürst, wie sich dieser Erfolg anfühlt, ja, du den Erfolg schmecken kannst …
Bevor ich heute auf eine Bühne gehe, schließe ich die Augen. Ich versetze mich gedanklich in den Zustand, in dem ich meine beste Leistung abrufe. Ich sehe den Raum. Ich höre die Menschen. Ich spüre Gelassenheit. Und das verändert meine Performance.
Ganz gleich, ob du also vor einem Vorstand präsentierst, ein Unternehmen führst, einen Wettkampf bestreitest, ein wichtiges Gespräch führst oder eine Rede vor der ganzen Belegschaft halten musst: Technik und Übung bringen dich weit, doch für den entscheidenden Unterschied brauchst du Vorstellungskraft.
Ich habe das damals als junger Leistungssportler zu spät verstanden. Ich hatte zwar eine unglaubliche Willenskraft, aber ich hatte noch nicht die Vorstellungskraft, um mich in den guten Zustand zu bringen, wie es sich dann anfühlt, Fußballprofi zu sein.
Heute würde ich es anders machen. Ich würde versuchen, mir eine möglichst klare Vorstellung davon zu machen, wie sich der Erfolg anfühlt.
Natürlich braucht es Übung, auch Talent. Für eine gute Performance solltest du die grundlegenden Techniken beherrschen. Mit der richtigen Technik und Übung kommst du schon sehr weit. Aber das reicht zumeist nicht für die Profiliga.
