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Stefan Reutter, Freundschaft, Freunde, streiten, Streit

„So kannst du das nun wirklich nicht sagen! Das Gemeineigentum der Produktionsmittel, die Enteignung der Reichen, die Diktatur des Proletariats – das sind einfach keine Themen, über die wir streiten müssen und die du in Frage stellen kannst.“

Oh doch, das konnte ich durchaus. Und tat es auch – lautstark und überzeugt, bis in die Nacht hinein. Nicht etwa mit einem Fremden, den ich gerade zwischen Tür und Angel kennengelernt hatte. Sondern mit einem guten Freund.

Und ließ mich über die Frage nachdenken: Wie kann eine Freundschaft, in der Welten aufeinanderprallen, auf Dauer funktionieren?

Wenn zwei sich streiten …

Allerdings konnte ich mir die Frage sehr schnell beantworten: Denn das kann sie ganz wunderbar. Ich möchte sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten: Bei guten Freunden müssen auch mal die Fetzen fliegen.

Aber lassen Sie uns doch gemeinsam eine kleine Zeitreise machen, damit Sie nachvollziehen können, wovon ich hier überhaupt spreche: Etwa fünf Jahre nach der Wende lernte ich bei einem Lehrgang über Arbeitsrecht Ulf kennen. Ulf kam aus Ost-Berlin und wir verstanden uns gleich ganz wunderbar – auf der Tagung wie auch außerhalb des Rahmenprogramms. Also tauschten wir Nummern aus und blieben telefonisch in Kontakt. Wir wurden tatsächlich gute Freunde und sprachen viel am Telefon.

Eines Tages kam Ulf mich dann zu Hause am Rande des Schwarzwalds besuchen. Ein echter Kulturschock auf beiden Seiten: Aus seiner Perspektive war das wie eine Expedition auf einen fremden Planeten, von meiner Warte aus stand ein Außerirdischer vor der Tür. Doch schon bald akklimatisierten wir uns und redeten viel an diesem Wochenende. Doch Sie erraten es vielleicht schon: Nach „redenden“ Freunden klangen wir ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr wirklich.

Hin und her

Denn die Lage spitzte sich dramatisch zu: Auch am Abendbrottisch mit meinen Eltern konnten wir nicht davon ablassen, uns politischen Debatten hinzugeben. Seine von Sozialismus und dem Zwang zum Kollektiv geprägte Kindheit und Jugend prallte auf meine Überzeugung von Freiheit und Verantwortung des Individuums und des Grundrechts von Privateigentum.

Aus seiner Sicht sollte ein überfürsorglicher Staat sämtliche Lebensbereiche regulieren und organisieren. Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Ich entgegnete, dass es Ziel einer freien Gesellschaft sein müsse, zu garantieren, dass jeder nach seinen individuellen Vorstellungen und Wünschen sein Leben selbst gestalten und nach seinem Glück streben darf. Meine Mutter kam aus dem Stöhnen kaum raus, Ulf und ich bissen beide auf Granit und wir stritten weiter und weiter und weiter, bis …

Emotional streiten – nicht mit jedem

Tja, bis gar nichts eigentlich. Wir gingen zu Bett und waren auch am nächsten Morgen noch Freunde. Wir hatten einander zugehört. Ulf hatte meine Sicht verstanden, ich konnte seine nachvollziehen. Einigen konnten wir uns trotzdem nicht. Und das mussten wir auch gar nicht.

Denn was zählte, war die Freundschaft. Was zählte, war die emotionale Bereicherung und die Horizonterweiterung, die Ulf und ich uns gegenseitig ermöglicht hatten. Sie sehen: Manchmal braucht es einen guten Freund zum Streiten, zum Auseinandersetzen. Gerade diesem hören Sie ganz anders zu als einem Menschen, dem Sie sich emotional nicht verbunden fühlen. In diesem Sinne möchte ich Sie nur zu gerne einladen – zum Streiten unter Freunden.

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