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Stefan Reutter, Worte, Klarheit, Gesellschaft

Wie oft begegnet Ihnen eine Kunstfresse? Und wie oft verwenden Sie selbst eine?

Ich wette, Sie setzen sie beim Bäcker auf, wenn Sie die Brezel ganz hinten wollen, die nicht so dunkel ist und wenig Salz drauf hat. Und Sie haben bestimmt schon in die Kunstfresse einer Kellnerin geschaut, wenn diese Ihnen versehentlich ein Getränk auf die Hose verschüttet hat. Wenn die Dame Sie gezwungen anlächelt und eine Entschuldigung säuselt, obwohl sie eigentlich denkt: „Das ist für das miese Trinkgeld, du Idiot!“ – das ist die Kunstfresse.

Als Kunstfresse bezeichne ich vorgegaukeltes Interesse, kombiniert mit einem aufgesetzten, gekünstelten Lächeln. Sie ist ein hervorragendes Instrument, um schneller ans Ziel zu kommen.  

Das Falschspiel in Worten

Das falsche Lächeln ist aber nicht das einzige Hilfsmittel für das Schön-Getue. Die Sprache ist ein weiteres. Wir haben die Sprache zu einem Instrument unserer Heuchel-Gesellschaft gemacht. 

Schauen Sie sich nur mal die abenteuerlichen Floskeln in Arbeitszeugnissen an: Da werden schreckliche Botschaften hinter schönen Worten versteckt. Blöd nur, dass der arme Arbeitnehmer die Codes nicht richtig lesen kann und sich freut, dass seine „Geselligkeit zur Verbesserung des Betriebsklimas“ beitrug. Wenn er wüsste, dass der Subtext davor warnt, dass er gerne mal ein Gläschen während der Arbeit trinkt, dürfte die Freude schnell vorbei sein. Oder „Wir wünschen ihm alles Gute und Gesundheit“ warnt vor einem kränkelnden Angestellten. Vorsicht ist auch geboten, wenn sich jemand mit einem „guten Einfühlungsvermögen in die Belange der Belegschaft“ bewirbt. Denn de facto heißt das: Achtung, Flirtalarm! 

Hintenrum führt kein Weg

Während der Arbeitnehmer also dem netten Betüddeln, das ihm vornherum entgegengebracht wird, glaubt, kriegt er hintenrum solche Botschaften reingewürgt.

Wenn Sie selbst Unternehmer sind, halten Sie es vielleicht für wichtig, dem künftigen Arbeitgeber die Wahrheit über seinen Neuzugang zu sagen. Einverstanden. Aber warum dann nicht auch dem Betroffenen? Klar, die Wahrheit tut weh und vielleicht wäre es dann schwerer für ihn, woanders beruflich Fuß zu fassen. 

Aber mal ehrlich: Mich verunsichert diese Heuchel-Gesellschaft. Wenn ich nicht weiß, ob das Lächeln echt ist. Ob das Interesse echt ist. Als ich mich zum Beispiel mit meinem ehemaligen Nachbarn über Fußball unterhielt, nickte er ganz euphorisch. „Wow, das klingt toll“, waren seine Worte. Er fand spannend, was ich erzählte. Irgendwann sagte seine Frau mir dann aber, dass er sich überhaupt nicht für Fußball interessiere und das für ihn Zeitverschwendung sei. Das ist für mich an sich ja kein Problem. Was ich aber schlimm finde: Ich weiß nicht mehr, ob ich ihm noch glauben soll. Kann ich ihm denn noch trauen?

Lauwarme Brühe haut niemanden um

Warum machen wir das eigentlich? Warum gehen wir so vorsichtig miteinander um und fassen uns nur noch mit Samthandschuhen an? Wir eiern rum und beschleimen uns kollektiv. Warum? Ich glaube, dass wir Menschen die Auseinandersetzung scheuen. Wir geben uns lieber mit lauwarmer Konsenssoße zufrieden statt Widerworte zu wagen. 

Ich habe die Schnauze voll davon! Sie auch? Dann lesen Sie mein Buch und lassen Sie uns gemeinsam etwas ändern. 

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