Von Zigeunersoße und Kartoffel – was mir gar nicht schmeckt

Allgemein, Respekt
Von Zigeunersoße und Kartoffel – Stefan Reutter

Jetzt ist es passiert. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, nicht schwarz zu sehen (darf „man“ das eigentlich noch sagen? Schwarz sehen …) – und vor allem auch nicht mit meiner Einschätzung zu übertreiben. Und so war ich zurückhaltend gewesen, als ich in meinem Buch über die Sprachpolizei schrieb. Und über so „gefährliche“ Wörter wie „Mohrenkopf“ und „Zigeunerschnitzel“. Ich wollte nicht „schwarz sehen“, ich hatte die Hoffnung, dass wir mehr Charakter haben …

Doch jetzt hat die Sprachpolizei einen so großen Sieg errungen, dass ich wirklich gerne nicht mehr zurückhaltend sein möchte. Wirklich streiten, vielleicht sogar mit Ihnen streiten möchte ich, um des lieben Friedens Willen. Denn Knorr hat die „Zigeunersoße“ umbenannt.

Zigeunersoße und Charakter

Ich finde es grauselig (ein schönes altes deutsches Wort), dass mittlerweile jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird – und um es unverblümt zu sagen: Ich habe die Schnauze voll von der ganzen Diskussion um „korrekte Sprache“. 

„Hallo Knorr! Haben Sie denn keinen Charakter?“ Nur weil der sprachpolizeilich auf Linie gebürstete Mainstream ein Wort wie „Zigeunersoße“ nicht ganz so korrekt findet, ändert Knorr den Namen der seit vielen Jahren beliebten Soße. Weil sie Schiss haben, falsch verstanden zu werden. Geht’s noch? 

Apropos Zigeunersoße … Hier bin ich ja gewissermaßen persönlich involviert. Denn mein Vater hatte ein Restaurant, das machte für meinen Geschmack und für viele Gäste die besten Zigeunerschnitzel weit und breit. und jedem, der das Gericht auf der Karte las, war klar: Dieser Name suggeriert etwas Tolles. Zigeunerschnitzel und Zigeunersoße erzählen eine positive Geschichte, damit schwingen für mich viele schöne Erinnerungen mit. Bilder, die gefallen. Und auf jeden Fall nichts Schlechtes, was uns die Sprachpolizei ja einreden will. 

Gäbe es diese oberkorrekten Oberkorinthenkacker nicht, dann würde sich keiner mit einer solchen Diskussion aufhalten. Ein Zigeunerschnitzel hat Charakter – und der Genuss dieser kulinarischen Spezialität macht uns genauso wenig zu schlechten Menschen, wie das Aussprechen des Wortes „Zigeunerschnitzel“. Oder des Wortes „Zigeunersoße“. Oder eines Namens wie „Zum Mohren“ für ein Restaurant.

Typisch deutsch

Typisch deutsch scheint mir zu sein, dass wir glauben, dass wir, wenn wir solche Wörter verwenden, unseren Geist, unsere Seele infizieren: Als wenn uns diese Wörter zu Rassisten machen. Also verbieten wir diese Ausdrücke  – und glauben, die Menschen denken dann anders. Was für ein Schwachsinn. Und nur aus diesem Grund lassen wir die Sprachpolizei walten. Weil wir mittlerweile alle so verunsichert sind und bloß nichts falsch machen wollen.

Ich finde es gefährlich, dass uns immer wieder unterstellt wird, wir würden „Ausländer“ nicht richtig, nicht fair, nicht menschlich behandeln, wenn wir ein Wort wie „Zigeunersoße“ benutzen. Oder habe ich mich falsch behandelt gefühlt, weil ich als Deutscher „Kartoffel“ genannt wurde?

Drah dich nicht um …

„Kartoffel“, so nannte mich damals immer mein bester Freund, ein schwäbischer Türke, als wir noch zusammen beim VFB Stuttgart kickten. Ich war die „Kartoffel“, er war „Döner“, unser italienischer Mannschaftskollege war der „Spaghettini“ … Stellen sich Ihnen bei diesen Wörtern schon die Nackenhaare auf? Drah di net um, die Sprachpolizei geht um … 

Aber so war das. Ich bin in einer Multi-Kulti-Welt aufgewachsen, wir haben geredet, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Wir haben zusammen gespielt, zusammen gewonnen, zusammen verloren. Wir haben uns geliebt. Wir haben uns gestritten und wieder Frieden geschlossen. Wenn uns heute jemand so reden hören würde, wie wir damals miteinander geredet haben, würde die Sprachpolizei kommen. Ist das nicht schrecklich?

Keine Schubladen

Weil ich das schrecklich finde, habe ich mein Buch geschrieben, denn ich finde diese Entwicklung schrecklich gefährlich. Wir bauen Lager auf, stecken Menschen in Schubladen, wo wir nur Menschen sehen sollten. Wir haben mehr und mehr Angst, dass wir falsch verstanden werden könnten. Wir machen uns klein, damit wir im Mainstream nicht auffallen. Wir verlieren unseren eigenen Charakter.

„In jedem Land ist es das Gleiche: es gibt gute Menschen, es gibt Arschlöcher!“, sagte mein Teamkamerad aus Bella Italia – und das ist es, worauf es ankommt. Charakter haben – und ich für meinen Teil möchte ein guter Mensch sein (und dazu gehört keine Angst davor zu habe, dass mich manche für ein Arschloch halten).

Und deswegen sage ich, wie es ist: Heißt die Gaststätte „Zum Mohren“, dann ist das so. Und Zigeunersoße ist Zigeunersoße. Basta.

10 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Martina Löffler
4. September 2020 9:24

Hallo lieber Stefan,
das sehe ich genau so !!! Ich war ja noch 10 Jahre vor dir auf der Piste. Wir haben immer mit Genuss Zigeunerschnitzel bei uns im Gasthaus Adler gegessen und wir haben mit keiner Sekunde daran gedacht, das dies etwas Schlechtes wäre! Im Dorf gab es Italiener, Türken und Zigeuner haben oft hinter unserem Haus auf einem Platz da gecampt. Für mich war das nichts besonderes. Wie gesagt es gibt Solche und Solche, egal wo du bist auf der Welt. Es kommt auf Herz und Charakter an, egal welcher Couleur du bist.
Ganz herzliche Grüße
Martina

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Lieber Stefan
Ich denke immer noch, das Foto mit der “Sauce ohne festen Wohnsitz” ist ein Fake und hoffe das auch.
Zigeuner-Schnitzel kann fein sein. Mohrenkopf war bei uns in der Schweiz vor kurzen ein Riesen-Thema, weil ein Produzent sich weigert, die Bezeichnung zu ändern. (Tolles Marketing übrigens).
Anmerkung als Hobby-Koch: Wer eine solche Fertig-Sauce – egal wie sie heisst – verwendet, ist sowieso zu bedauern. Liebe Grüsse, Bruno

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Jörg Eugster
7. September 2020 10:13

Hallo lieber Stefan

100%-ige Zustimmung zu deinen Gedanken. Ich habe am Samstag für meine Frau Mohrenköpfe gekauft (auf der Packung steht was anderes, weiss es aber nicht mehr). Als ich ihr davon erzählt habe, haben wir beide nicht eine Zehntelsekunde an einen dunkelhäutigen Menschen gedacht. Wenn es so weitergeht, müssen wir uns alles vorschreiben lassen, was wir wann und wie sagen. Wie steht es mit der Meinungsfreiheit?
Übrigens hat Volg, ein Schweizer Detailhändler (heisst in Deutschland Einzelhändler) in einem Geschäft den Mohrenkopf als “Mit Schokolade überzogene Eiweissmasse mit Migrationshintergrund” bezeichnet, damit er nicht Mohrenköpfe schreiben musste. Die ¨Überkorrekten” haben sich auch dagegen gewehrt und einen Shitstorm (!) ausgelöst. Die haben sowas von Null-Humor. Hier der Beitrag zum Totlachen: https://www.20min.ch/story/volg-bezeichnet-suessigkeit-als-eiweissmasse-mit-migrationshintergrund-695149203982. Und beim Zigeunerschnitzel wird es noch krasser, wie du schön schreibst.

Also lassen wir uns doch nicht den Mund verbieten, nur weil ein paar Leute meinen, sie seien die Instanz was wir als Rassistisch zu betrachten haben und was nicht. Das hat doch nichts mit den Ereignisse in den USA zu tun, wenn wir hier Mohrenkopf sagen und eine Süssspeise damit meinen. Ich sage weiterhin Mohrenkopf und danke an etwas Schönes.

Herzlichst aus der Schweiz
Jörg

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Oliver Lorenz
7. September 2020 10:42

Hallo Stefan,
meine Tochter Nina, hat einen Partner, ein farbiger, gelb, rot, orange, oder vielleicht sogar Regenbogen?
Als ich sie einfach gefragt habe wie er bezeichnet werden möchte, sagte er ich bin “schwarz”.
Solche selbsternanten, DEUTSCHEN Toleranzmenschen meinen sie müssten jedem vorschreiben wie seine Toleranz auszusehen hat. Manchmal hilft einfach nur ein Spiegel.
Farbige Grüße
Oliver

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Markus Bihler
7. September 2020 10:56

Hallo Stefan, sehr korrekt beschrieben und ich gehe völlig einig mit Dir. LG Markus

Antworten

Hallo Stefan,
Du hast die Dinge sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich sehe es auch so. Am Schluss gibt es keine Menschen mit Ecken und Kanten, sondern nur noch solche, die nirgends anecken und sich wegducken. Ich finde an dem Gasthaus Mohren nichts verwerfliches und bin auch kein Rassist und auch ich sage zu meinem Kumpel “Spagetti”, auch wenn er mein Kumpel ist und aus Italien stammt. Gott sei Dank habe ich einen Kumpel aus Italien und den möchte ich auch nicht missen (diesen Spagetti).

Herzliche Grüße von

Thomas

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Susen Bühler
7. September 2020 13:51

Lieber Stefan,
ich sehe diese Gefahr der Verdrehung unserer Sprache auch sehr deutlich. So lange die Menschen nicht den Menschen sehen, sondern ein Ethnie wird es keinen Unterschied machen, ob wir Wörter verbieten oder nicht.
Ich für meinen Teil kann auch nur sehen, dass die Zigeunersoße eine bestimmte Geschmacksrichtung hat und der Sarotti-Mohr für guten Kakao und eine gute Schokolade stand. Ich finde es irrwitzig, wenn ein Schwarzer Chefkoch sein Restaurant Mohren nennt aufgrund einer Tradition und dann dazu aufgefordert wird, dieses umzubenennen. Political Correctness – was ist mit der Freiheit dieses Menschen?
Daher bekenne ich mich dazu die deutsche Sprache zu benutzen wie sie seit vielen Jahren ist. Wir haben so eine schöne Sprache, dass wir auch die Anglizismen nicht benötigen um uns auszudrücken.

In diesem Sinne – müssen wir dann die Bolognese Sauce und die Spaghetti Napoli nicht auch umbenennen? 😉

Herzlichst Susen

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Herbert Jehle
7. September 2020 22:58

Lieber Stefan,
Dein Beitrag liegt ganz auf meiner Linie.

Ergänzend hierzu folgendes Zitat:

“… Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma begrüßt die Umbenennung der Saucen, hält die Würzsauce aber für die falsche Ebene für eine Auseinandersetzung mit dem Begriff. Ein Sprecher des Vereins sagte am Dienstag: “Wir haben es mit Anschlägen im rechtsextremen Milieu zu tun und in dem Kontext taucht der Begriff ‘Zigeuner’ natürlich auf. Das sind die Sachen, die uns wirklich Sorgen machen.” Er fügte hinzu: “Die Zigeunersoße ist da nicht das richtige Level, um diesen Begriff zu diskutieren.”

Zentralratsvorsitzender Romani Rose hatte zuvor gesagt, dass ihm der wachsende Antiziganismus in Deutschland und Europa größere Sorgen bereite. “Für den Zentralrat sind vor diesem Hintergrund Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit.”

Herzliche Grüße
Herbert

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Klaus Heimbold
8. September 2020 23:17

Lieber Stefan,
ich bin voll bei Dir. Was machen wir da eigentlich? Keiner stört sich, nur die Politik, die sog. öffentlichen Medien.
wo sind wir eigentich??? Ein Volk das sich selbst verleugnet und verarscht????
Nur weiter so, dann sind wir ein Volk von Medien-Gläubigern und dann haben wir es nicht besser verdient.
Deutschland schafft sich ab.

Antworten
Bernd Kühme
6. November 2020 18:07

Hallo Stefan,
wie so oft sprichst Du mir aus der Seele, sehr gut und vielen Dank dafür! Ich liebe auch die “Raumpflegerin”, aber bei der “Putzfrau” war hinterher halt sauber, was beim “Pflegen” ja nicht unbedingt entstehen muß :).
Grüße und weiter so.
Bernd

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