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Journalismus, Stefan, Reutter, Glaubwürdigkeit, Presse, Journalist

Das war mal wieder großes Journalismus-Kino: Im Morgenmagazin des ZDF stürmt eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne, drückt sich zwischen die beiden Moderatoren und wettert: „Müsst ihr hier eigentlich alle anlügen?!“

Dunja Hayali und Andreas Wunn staunten nicht schlecht. Wie die beiden reagierten und ob das nun gut oder schlecht war – darum geht’s mir hier aber gar nicht. Das können Sie in der FAZ nachlesen.

Nein, mich beunruhigt vielmehr das tiefe Misstrauen gegen den deutschen Journalismus. Was passiert hier?

Adieu, Horst

Die „Störerin“ beim ZDF ist ja nur eines von vielen Beispielen für einen gewissen Unmut. „Lügenpresse“ war nicht ohne Grund das Wort des Jahres 2014. Und wenn ich an Gespräche mit meinen Nachbarn und Bekannten denke, dann tut es mir leid, liebe Journalistinnen und Journalisten: Dass der deutsche Journalismus ihnen die Wahrheit liefert, glauben die wenigsten. Glaubwürdigkeit, adieu.

Woher dieses Gefühl in der Bevölkerung kommt, kann ich mir schon vorstellen. Es sind Geschichten wie die von Horst Tappert, besser bekannt als der Erfinder der Fernsehserie Derrick. Der Krimidauerbrenner der 1970er, 1980er und 1990er Jahre ist von der Bildfläche verschwunden. Es gibt keine Wiederholungen mehr. Und warum? Weil die Serie nicht mehr ankommt? Weil sie zu brutal war? Weil es lizenzrechtliche Probleme gab? Nein, nichts von alledem.

Der Grund ist ein ganz anderer: Horst Tappert war – wie sich vor einigen Jahren herausgestellt hat – als junger Mann Mitglied bei der Waffen-SS. Deswegen hat das ZDF die Serie aus dem Verkehr gezogen – ohne Statement, ohne Erklärung. So ganz ohne Transparenz vor dem Bürger.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich hat diese Geschichte ein einseitiges „G’schmäckle“. Und beim Nachrichten-Journalismus geht es vielen nicht anders.

Kognitiv clean

Nun suche ich die Schuld für dieses Journalismus-Versagen nicht bei einzelnen Personen, im Gegenteil. Ich glaube, dass die Bevölkerung die Wahrheit im Journalismus vermisst. Und das hat ganz viel mit der Art des Journalismus zu tun.

Denken Sie nur an die Nachrichten: cleanes Setting, nackte Fakten, steife Moderatoren – so gehört sich das im deutschen Journalismus. Die Erfahrung zeigt, dass dieses Vorgehen genau das Gegenteil bewirkt.
Ich spüre, dass viele Journalisten eine gewisse Emotion zu den Dingen haben, diese aber weder zeigen noch sagen wollen. Sondern sie wollen korrekt „neutral“ Bericht erstatten.

Da die Emotion aber da ist, geht das schief. Denn innere Zerrissenheit (der Journalist hat ja eine Meinung dazu) führt häufig zu äußerer Mehrdeutigkeit. Es ist dann sichtbar unstimmig.

Da ist es aus meiner Sicht besser, wenn der Journalist auf der einen Seite die Fakten konkret benennt und seine Meinung offen mit einfließen lässt. Und nicht die Wahrheit in die Richtung dreht, die ihm gefällt.
Um Dinge wirklich zu verstehen und zu durchdringen, braucht der Mensch Emotionen. Gefühle. Punkt. Vielleicht wäre es also an der Zeit, den Journalismus emotional neu zu denken …

Ich fühle – und Sie?

Wie wäre es denn zum Beispiel, wenn Journalisten beim Übermitteln von Nachrichten Emotionen zeigen dürften? Wenn sie sich nicht die Mundwinkel festtackern und das Leuchten aus den Augen streichen müssten? Ich plädiere hier nicht für emotionale Zusammenbrüche oder Aufregen, aber: Warum darf ein Journalist nicht einmal sagen, wie er sich fühlt, dass er Angst hat, wenn er diese Nachrichten übermittelt. Dass er etwas befürchtet. Denn das brauchen wir Menschen. Einen emotionalen Austausch.

Emotionen gehören dazu. Sie können Ihre genauso wenig ausschalten wie ich meine. Und ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir auch im Journalismus zugeben: Unsere Nachrichten sind emotional gefärbt. Es macht einen Unterschied, ob der Journalist seine Kamera auf die Flüchtlingsfamilie mit kleinen Kindern hält oder auf die Schlange wartender Flüchtlingsmänner.

Und wäre es nicht eine wertvolle Ergänzung, wenn wir dazu sagen, wie wir uns in diesem Moment gefühlt haben? Welche Emotion uns zu unserem Verhalten im Journalismus geführt hat?

Ich jedenfalls fühle mich gerade verdammt gut, dass ich das losgeworden bin.

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