Sicherheit vs. Freiheit: Feiern verboten?

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Meine Frau geht jedes Jahr mit ihren Freundinnen aufs Oktoberfest. Die Mädels bereiten den Besuch immer schon Monate vor und hübschen ihre Festtagsdirndl auf. Und dann fahren sie nach München und freuen sich auf die gute, ausgelassene Stimmung. Außer natürlich, es kommt ein Terror-Anschlag dazwischen. Dann heißt es: Feierlaune adé!

Weißwurstfrühstück mit Polizisten

So geschehen 2016. Da war einfach alles anders. Klar, nach dem Anschlag im Juni gab es ein neues Sicherheitskonzept: Neben dem Sicherheitsdienst hatte auch die Polizei ihre Präsenz deutlich aufgestockt. Davon hatten wir schon in der Zeitung gelesen. 

Das begann bereits im Wirtshaus unweit vom Marienplatz. Während meine Frau mit ihren drei Freundinnen beim traditionellen Weißwurstfrühstück saß, marschierten zweimal bewaffnete Bereitschaftspolizisten durch die Wirtsstube. 

Rund ums Festgelände gab es zudem neu installierte Kameras und einen festen Zaun. Rucksäcke waren grundsätzlich verboten und die Einlasskontrollen waren viel genauer. So haben sich Schlangen an den Eingängen gebildet. Die Ladys haben sich angestellt und gewartet, bis schließlich ihre Täschlein von bewaffneten Ordnern untersucht worden waren. Als sie dann endlich durchgelassen wurden, war von der leichten und lockeren Feierstimmung, mit der sie angereist waren, nichts mehr übrig. 

Ein mulmiges Gefühl

„Weißt du“, sagte meine Frau später zu mir, „ich würde das ja gerne so machen. Mich nicht einschüchtern lassen von der Angst. Und mich nicht anstecken lassen von dem mulmigen Gefühl, das da über die Wiesn gewabert ist. Aber es hat sich einfach alles anders angefühlt als vorher. Überall siehst du diese schwerbewaffneten Polizisten, die ernst dreingucken. Gelacht wird kaum. Ich fand es ja gut, dass die Polizisten für Sicherheit sorgen, aber es bleibt ein Gefühl der Unsicherheit.“ 

Wenn das Sicherheitsgefühlt futsch ist, löst das bei uns einen uralten Reflex aus. In der Hoffnung, die Sicherheit wieder herstellen zu können, muss die Freiheit Federn lassen. Denn die Politik reagiert reflexartig – mit dem Ruf nach mehr Überwachung und mehr Einschränkungen für die Bevölkerung. 

Dann werden wieder mehr Polizisten eingestellt, es wird darüber debattiert, mehr Geld für die innere Sicherheit bereitzustellen. Es werden mehr Kameras aufgestellt. Und wieder reichlich Daten gesammelt und gespeichert. 

Die Politik rüstet auf. Und meint, damit das probate Mittel gegen die Unsicherheit gefunden zu haben. Denn fast jeder zweite Deutsche glaubt, dass die Polizei ihn derzeit nicht effektiv schützen kann, und wünscht sich deshalb eine Personalaufstockung. 

Chance auf Sicherheit

Aber ich bezweifle, dass mit mehr Polizisten oder besserer Waffenausrüstung unser Wohlgefühl steigt. Dass wuchtige Betonpoller in Fußgängerzonen gegen Beklommenheit helfen. 

Stellen Sie sich mal vor, das Grundgesetz wird dahingehend gelockert, dass die Bundeswehr im Inneren eingesetzt werden kann – so wie es immer wieder diskutiert wird: Dann würden Panzer zu unserem Schutz vor Kirchplätzen auf- und abrollen. Nimmt die Angst vor Angriffen dann wirklich ab? 

Vor lauter fleißigem Beobachten und genauem Hinschauen auf die Oberflächlichkeiten kommen wir aber nicht mehr dazu, einander wirklich in die Augen zu blicken. Uns einander anzuvertrauen, einander zuzuhören, sich füreinander zu interessieren. Das ist zu anstrengend und zu zeitaufwendig, wenn wir gleichzeitig noch damit beschäftigt sind, unsere Gesellschaft zu sichern. 

Nur, wenn wir uns wieder wirklich für unsere Mitmenschen interessieren, haben wir die Chance, uns wieder sicher zu fühlen – auch auf dem Oktoberfest. 

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