Streit ist zum Streiten da!

Allgemein

Mein Arbeitsfeld ist die zwischenmenschliche Kommunikation. Für die Muster, die sich darin abzeichnen, bin ich durch jahrzehntelanges Hinhören sensibilisiert. Das kritische Muster, das ich auf allen Ebenen der Gesellschaft finde – in der Öffentlichkeit, der Politik und den Medien, in den Unternehmen und Institutionen, in den sozialen Medien, in den Familien und Beziehungen –, ist ganz simpel und lässt sich an einem einfachen Beispiel demonstrieren. 

Mann + Frau + Klodeckel = Explosionsgefahr

Stellen Sie sich ein Paar vor, das seit wenigen Wochen zusammenlebt und nun, nach etlichen schönen gemeinsamen Stunden den ersten großen Konflikt erlebt: Es geht um den Klodeckel! Oder besser gesagt: um die Handhabung desselben. 

Er lässt ihn immer offen stehen. Sie will ihn dringend immer geschlossen haben. Das Paar hat nun genau zwei Möglichkeiten, um mit diesem Dissens umzugehen. 

Hier die Variante Nummer eins: Ihr ist es peinlich, das Thema anzuschneiden. So eine Banalität soll doch die Harmonie nun wirklich nicht stören! Das ist ja lächerlich. Außerdem darf doch jeder die Toilette so benutzen, wie er will! Sie ist doch schließlich tolerant. Aber andererseits stört es sie nun mal. 

Gute Miene zum bösen Spiel

Nach einigen Wochen, in denen sie ungezählte Male den Klodeckel wieder geschlossen hat, ohne etwas zu sagen, entfährt ihr beim Frühstück ein scharfes Wort über etwas ganz anderes: „Du könntest ruhig auch mal morgens den Tisch decken!“ Der Ärger hat sich ein Ventil gesucht. 

Nun ist der Vorwurf aber unangemessen, weil er öfter kocht als sie und er sich immer um den Tisch beim Abendessen kümmert. Aber weil er ja tolerant ist und die Harmonie nicht stören will, hält er die Klappe und bemüht sich, am nächsten Morgen beim Tischdecken mehr Einsatz zu zeigen. Aber der Stachel sitzt. Und darum macht er morgens ein muffiges Gesicht. Das wiederum stört sie … 

Harmoniesucht schafft keine Harmonie

Sie können sich vorstellen, wie es weitergeht. Irgendwann gibt es einen großen Krach. Mit Schreien, Türenschlagen, Beleidigungen, Unterstellungen. Ja, nach zwei Stunden in verschiedenen Zimmern vertragen sie sich wieder, ohne das auslösende und übrigens austauschbare Thema überhaupt zu erwähnen. Weil ein Krach keinen Spaß macht und Harmonie viel schöner ist. Aber nach ein paar Tagen gibt es wieder Krach. Zwei Stunden Funkstille. Versöhnung. Und so geht das immer weiter. Nur die Frequenz der Dispute wird langsam höher. 

Variante Nummer zwei sieht so aus: Der Klodeckel ist oben. Sie sagt es ihm sofort: Sie möchte, dass er den Klodeckel immer schließt. Das ist für ihn okay, aber er vergisst es auch mal. Und dann … streiten die beiden! 

Streiten – aber richtig!

Streit? Moment mal – ist das nicht dasselbe wie im ersten Fall? Auch bei einem Streit kann es laut werden. Aber im Ergebnis ist ein Streit etwas ganz anderes als ein Krach. Bei einem Streit geht es nämlich darum, die unterschiedlichen Meinungen und Empfindungen auszutauschen und zu einer Lösung zu kommen. Einer Lösung, die sicherstellt, dass der Klodeckel nie wieder Anlass für eine Meinungsverschiedenheit sein kann. 

Raus damit!

In diesem speziellen Fall lassen die beiden einfach ein Pissoir einbauen. Er pinkelt ohnehin viel lieber im Stehen. Und da gibt es kein Problem mit einem Deckel. Wie haben sie die Lösung gefunden? Indem sie sich ehrlich und aufrichtig miteinander auseinandergesetzt haben. Mit Emotionen und allem Drum und Dran. Sicher. Aber eben auch lösungsorientiert. Ehrlich. Und einander zugewandt. Am anderen interessiert. Ergebnisoffen. Wenn sie eben nun mal diese Marotte hat, dass sie den Deckel unten haben will, dann muss sie eben auch dazu stehen und diesen Standpunkt vertreten. Und wenn daraus ein Konflikt wird, dann ist es egal, wie banal der Anlass sein mag: Er muss ausgetragen werden! 

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

Sehr gut!
Nicht nörgeln sondern ansprechen – kann zwar wieder passieren, aber man weiß jetzt worum es geht!
Harmoniesucht ist wirklich eine „Sucht“ – weils ja so schön ist…
Aber klar und eindeutig ist besser – jedenfalls für eine länger gedachte Beziehung.

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